Schneemannsgarn – Snowmanland

12.06.2021 – 22.08.2021

In der Figur des Schneemanns spiegelt sich seit jeher unser Verhältnis zur Winterlandschaft. Alte bildliche Darstellungen zeigen ihn als personifizierten Winter in bedrohlicher riesiger Gestalt, mit grimmiger Miene und drohend erhobenem Besen. Im 19. Jahrhundert veränderte sich die Einstellung zum Winter, der nicht mehr nur hart und entbehrungsreich erschien, sondern seitdem auch Raum für Freizeitvergnügen bot. Vor 1900 hat sich der Schneemann zum freundlichen, kugeligen Wintersymbol gewandelt, fand Verwendung in Kinderbüchern, als Weihnachtsschmuck und auf Postkarten für Neujahrsgrüsse. Der Tourismus wuchs damals und förderte und vermarktete die winterlichen Freizeitaktivitäten – die Jungfrau-Region ist ein Paradebeispiel. Die positive Besetzung der Schneefigur und Marketingstrategien sind bis heute gekoppelt. Doch wie lange trägt dieses Bündnis noch?

Die Ausstellung „Snowmanland“ im Kunsthaus Interlaken zeigt einen erneuten Wandel auf. 16 Künstlerinnen und Künstler aus dem In- und Ausland verhandeln aktuelle Fragen zu Umwelt und Gesellschaft anhand der Schneefigur. Anders als in Japan gibt es in Europa keine tradierte Darstellung einer Schneefrau. Das ändert sich nun mit Künstlerinnen wie Judith Albert und Chantal Michel. Sie verwandeln männliche Rollenbilder aus Schweizer Literatur- und Malereigeschichte und erobern ihren Protagonistinnen Handlungsfelder im Winter. Nur noch wenige Bilder zeugen von kindlich unbeschwerter Freude am Flockengestöber – und wenn es solche noch gibt, ist es eine Weile her und ganz weit weg, so die Serie „Zauberfotos Christo“ von Ingeborg Lüscher. In vielen anderen zeitgenössischen Gemälden, Fotografien, Videos und Skulpturen fallen zahlreiche kulturgeschichtliche Bezüge zum 17. und 18. Jahrhundert auf. Das Unheimliche, Gefahrvolle, die mit der Kälte zusammenhängende Todesthematik lassen sich für die Mehrheit beim Anblick einer Figur im Schnee auch heute nicht mehr trennen. Mordverdacht und andere bösen Geister aus der Vergangenheit tauchen auf, Freizeitsportler werden zu Himmelfahrtskommandos. Schneemänner schmelzen ebenso wie das Gletschereis. Ein Todesreigen.

Wie geht man heute mit einer verkitschten Vorstellung vom Strahlgesicht mit gesund roter Karotte und breitem Grinsen aus tiefblickenden Kohlenstücken um? Findet man es überhaupt noch und falls ja, in welcher Situation? Oder werden lieber Kieselsteine für Augen und Mund verwendet? Hier eröffnen sich sozial- und zeitgeschichtliche Bezüge, die vom Wandel des Lebens im Winter erzählen. Durch die Kunstwerke erfahren wir etwas über unsere Kindheitserinnerungen und deren Prägungen, über kollektive und individuelle Ängste und Phantasien sowie über das aktuelle Leben in Schneeregionen und den Skisport. Doch heute hat die Gefahr einen neuen Namen: Klimawandel.

Eine Ausstellung/Veranstaltung von:

kunsthaus-interlaken

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